Der MVO und seine Probelokale

Um die Jahrhundertwende schlug die Geburtsstunde von zahlreichen Musikvereinen im Kraichgau. Sie alle standen vor dem gleichen Problem: Wo können die Proben abgehalten werden?

Wo die Gründungskapelle probte, geht aus den Aufzeichnungen nicht hervor. Die erste interessante Eintragung hierzu findet sich im Protokollbuch des Jahres 1907: Im Garten des Vereinslokals "Gasthaus zum goldenen Hirschen" soll am 26. Mai ein Gartenfest abgehalten werden. Deshalb ist anzunehmen, daß der Hirsch auch schon vorher Probelokal war und er blieb dies auch bis in die siebziger Jahre. Erst als der Hirschwirt sein Lokal erweitern und umbauen wollte, zog der Musikverein aus und fand im Jahre 1971 in der Festhalle ein neues Zuhause.

festhalle_k.jpg (9915 Byte) Eine unseren Bedürfnissen entsprechende Belegung der Festhalle war aus verschiedenen Gründen nicht möglich, da der Saal insbesondere nach der Neuverpachtung auch für andere Aktivitäten (z.B. Hochzeiten, Versammlungen) benötigt wurde. Was lag näher als über ein eigenes Heim nachzudenken? Die Übernahme leerstehender Fabrikgebäude scheiterte jedoch an zu kurzfristigen Mietverträgen.

Man orientierte sich mehr auf einen Neubau. Viele möglich Standorte wurden diskutiert und verworfen, bis man schließlich den Platz bei der Schule gefunden hatte, der zugleich mehrere Vorteile bot: ein Bebauungsplanverfahren war nicht erforderlich und die Erschließung war gesichert bzw. ohne großen Aufwand herzustellen. Mit Frau Ilse Jäger war ein Architekt gefunden, der mit dem speziell für diesen Zweck ins Leben gerufenen Bau-Ausschuß einen Plan entwerfen sollte, der zugleich ein funktionales und preiswertes Bauen zuließ und alle musikalischen und gesellschaftspolitischen Zielvorstellungen des Vereins Rechnung tragen sollte.

Parallel dazu liefen die Gespräche mit Stadtverwaltung, Ortschafts- und Gemeinderat und dem Rektor der Burgschule; die letzten Bedenken und Hindernisse konnten so aus dem Wege geräumt werden.

Eine weitere nicht leichte Aufgabe galt es zu bewältigen: die Finanzierung des Projekts. Die reinen Baukosten wurden auf 450.000 DM geschätzt. Diese Summe sollte durch Eigenleistung und Eigenmittel, Spenden und Zuschüsse, sowie durch Darlehen finanziert werden.

Am 16. September 1987 wurde uns die Baugenehmigung erteilt und bereits zehn Tage später konnte mit dem ersten Spatenstich ein wichtiger Schritt in der Vereinsgeschichte vollzogen werden. Nun gab es für die Mitglieder kein Halten mehr. Zu genau festgelegten Zeiten (dienstags, donnerstags und samstags) fanden Arbeitseinsätze statt, das übliche Vereinsleben (Proben, Auftritte und Jugendarbeit) sollten darunter jedoch so wenig wie möglich leiden. Fleißige Hände, unterstützt von unseren örtlichen Handwerkern, die mit großem Sachverstand und Können zum Gelingen beitrugen, waren unablässig am Werk. heim_4_k.jpg (14885 Byte)

Wo hart gearbeitet wird, wird auch gern gefeiert. Keiner der nahezu 100 Helfer, die am Bau beteiligt waren, wird die Abende in geselliger Runde in unserem Bauwagen vergessen.

Am 13. Mai 1988 konnte das Richtfest gefeiert werden; Zimmermeister Karl-Heinz Gaag sprach in Anwesenheit von Frau Jäger, dem Statiker Kley und vielen Helfern seinen Richtspruch. Ein schönes Fest, musikalisch umrahmt von unseren Aktiven, ließ die Mühen der vergangenen Monate in Vergessenheit geraten.

Doch nicht nur die männlichen Mitglieder opferten einen Großteil ihrer Freizeit für den Verein, auch die Frauen trugen ihren Teil mit bei: sie sorgten für das notwendige Vesper und, was der Vereinskasse besonders gefiel, sie bezahlten es auch!

Am Freitag, dem 6. Oktober 1988 waren die Musiker endlich am Ziel ihrer Wünsche: das neue Vereinsheim konnte offiziell seiner Bestimmung übergeben werden.

Mehr als 25 Kubikmeter Holz waren verarbeitet, über 1500 Kubikmeter umbauter Raum waren geschaffen, mehr als 250 Quadratmeter Fläche stehen zur Verfügung. Im Erdgeschoß sind zwei Proberäume mit je 50 qm, Toiletten und ein Abstellraum untergebracht. Im Obergeschoß befinden sich ein großer Proberaum mit über 100 qm, Notenraum, Sitzungszimmer sowie eine Küche.

Der Kostenvoranschlag konnte eingehalten werden, 170.000 DM wurden durch Eigenleistung erbracht, die Stadt Bruchsal gab einen Zuschuß von 31.000 DM, durch Spenden kamen weitere 30.000 DM hinzu. Insgesamt wurden von den Helfern mehr als 6.000 Arbeitsstunden in den Neubau investiert.

Vorsitzender Peter Adam zog mit Stolz ein Resümee: die gemeinsame Arbeit, das Miteinander zur Erreichung eines großen Ziels, haben die Einstellung zum Verein positiv beeinflußt und den Zusammenhalt erheblich gefördert. Mit dem Blick auf die 43köpfige Jugendkapelle, die die Feier musikalisch umrahmt hat, sagte er: "Für die Jugend haben wir dieses Heim gebaut. Ich wünsche mir immer Eintracht beim Musikverein 'Eintracht'."

Fünf Musikkapellen haben jetzt ein eigenes, schmuckes Probelokal, auf dessen Dach anstelle einer Wetterfahne eine von Wolfgang Heneka gefertigte Lyra anzeigt, "woher beim Musikverein der Wind weht".

Hoffen wir gemeinsam, daß der Wind für den Verein und im Verein auch in Zukunft aus der "richtigen" Richtung weht.

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[Aus der Festschrift zum 100jährigen Jubiläum des Musikvereins "Eintracht" Obergrombach 1893 e.V. vom 26.-28.Juni 1993. Text von Klaus Kehrwecker]